Mein Name ist Horst.
Zumindest war das einmal mein Name.
Heute nennen mich die meisten nur noch HaiFisch.
Und ja – ich bin ein Quarren.
Aber ich wurde nicht als einer geboren.
Es gab tatsächlich eine Zeit, in der ich weder Klauen noch Blutdurst hatte und auch nicht mit einer sagenumwobenen Toilettenbürste durch die Welt zog.
Damals war ich einfach nur Fischer.
Meine Geschichte begann vor weit über hundert Monden auf der Inselwelt Tian, weit im Osten, jenseits der Großen Felseninsel.
Tian war unsere Heimat.
Unser König hieß Tiklukar und herrschte über beinahe zehntausend Bewohner. Unser Volk war für seine technischen Errungenschaften bekannt. Wir besaßen Teleportationsmöglichkeiten, Flugapparate und Maschinen, bei denen andere Völker wahrscheinlich erst einmal mit einem Stock dagegen geklopft und anschließend behauptet hätten, sie seien verflucht.
Wir hingegen wussten, wie sie funktionierten.
Meistens jedenfalls.
Ich lebte damals mit meiner Frau Itopatas und unserer Tochter Naikata in einem kleinen Haus direkt am Meer.
Wir waren glücklich.
Abends saßen wir am Strand und beobachteten gemeinsam den Sonnenuntergang.
Itopatas war die Liebe meines Lebens.
Naikata war mein größter Schatz.
Und ich?
Ich war Fischer.
Jeden Morgen fuhr ich aufs Meer hinaus und fing Rotzahnhaie und Fleckfarbenfische.
Damals ahnte ich noch nicht, dass ausgerechnet ein Mann, der sein halbes Leben lang Haie aus dem Wasser gezogen hatte, irgendwann selbst aussehen würde wie einer.
Das Schicksal hat einen merkwürdigen Humor.
Wir verkauften die Fische auf dem Markt und lebten davon.
Unser Leben war ruhig.
Wir kannten keinen Krieg.
Wir kannten kaum Gewalt.
Das größte Drama bestand meistens darin, dass irgendein Händler behauptete, mein Fleckfarbenfisch sei drei Goldmünzen weniger wert als am Vortag.
Ich hielt ihn damals für einen Verbrecher.
Heute weiß ich, dass es schlimmere Wesen gibt.
Sehr viel schlimmere.
Eines Morgens erwachten wir und etwas stimmte nicht.
Kein Vogel sang.
Kein Tier bewegte sich.
Ein dichter Nebel lag über Tian.
Selbst das Meer war ungewöhnlich still.
Die Menschen kamen aus ihren Häusern und blickten in den Himmel.
Niemand wusste, was geschah.
Dann hörten wir einen Schrei.
Er war so laut, dass Fensterscheiben zerbarsten.
Kinder begannen zu weinen.
Und selbst heute, nach all den Monden, höre ich diesen Schrei manchmal noch in meinen Träumen.
Aus dem Nebel trat eine Kreatur.
Gewaltig.
Unnatürlich.
Tödlich.
Der Weltenwandler.
Er verkündete, er sei gekommen, um unsere Welt zu vernichten.
Zugegeben – normalerweise hält man solche Aussagen erst einmal für großspuriges Gerede.
In diesem Fall leider nicht.
Der Weltenwandler meinte es ernst.
Sehr ernst.
Wer sich ihm näherte, wurde von seinen Klauen zerrissen.
Unsere Soldaten griffen ihn an.
Sie starben.
Unsere Flugapparate wurden zerstört.
Unsere Gebäude brannten.
Tempel stürzten ein.
Die Gedenkstätten unserer Vorfahren wurden dem Erdboden gleichgemacht.
Vier Tage dauerte das Sterben.
Vier Tage versteckten sich Itopatas, Naikata und ich tief in einer Höhle unter den Felsen.
Wir hörten Schreie.
Wir hörten Explosionen.
Wir hörten Mauern zusammenbrechen.
Und wir konnten nichts tun.
Das war vielleicht das Schlimmste.
Nicht kämpfen zu können.
Nicht helfen zu können.
Nur dort zu sitzen und darauf zu hoffen, dass das nächste Geräusch nicht bedeutete, dass er uns gefunden hatte.
Nach vier Tagen wurde es still.
Wir warteten noch Stunden.
Dann verließen wir die Höhle.
Tian existierte nicht mehr.
Unsere Heimat war zu einem riesigen Grab geworden.
Überall lagen Trümmer, Asche und verbrannte Überreste.
Von beinahe zehntausend Menschen waren nur noch drei übrig.
Itopatas.
Naikata.
Und ich.
Wir durchsuchten die Ruinen nach Vorräten.
Aus verkohlten Baumstämmen bauten wir ein Floß.
Es sah nicht besonders vertrauenerweckend aus.
Um genau zu sein, hätte vermutlich kein vernünftiger Mensch damit einen kleinen Teich überquert.
Aber wir hatten keine Wahl.
Wir verließen Tian.
Ich werde niemals vergessen, wie unsere Heimat am Horizont immer kleiner wurde.
Itopatas weinte.
Naikata hielt meine Hand.
Ich sagte ihnen, dass alles wieder gut werden würde.
Es war eine Lüge.
Damals wusste ich das nur noch nicht.
Zwei Mondenjahre trieben wir über das Meer nach Westen.
Zwei Jahre auf einem Floß.
Falls sich jemand fragt, ob das angenehm ist:
Nein.
Es ist nicht angenehm.
Irgendwann vergisst man sogar, wie es sich anfühlt, nicht nach altem Fisch, Salzwasser und Verzweiflung zu riechen.
Dann kam der Sturm.
Mitten in der Nacht erhoben sich gewaltige Wellen.
Unser Floß wurde hin und her geschleudert.
Wir hielten uns aneinander fest.
Stundenlang kämpften wir gegen das Meer.
Doch irgendwann verließen uns die Kräfte.
Eine gewaltige Welle traf das Floß.
Itopatas wurde ins Wasser geschleudert.
Ich griff nach ihrer Hand.
Für einen Moment hatte ich sie.
Dann glitten ihre Finger aus meinen.
Sie verschwand zwischen den schwarzen Wellen.
Ich sprang ihr hinterher.
Ich schrie ihren Namen.
Ich suchte nach ihr.
Aber das Meer gab sie mir nicht zurück.
Meine Frau starb in dieser Nacht.
Von da an waren nur noch Naikata und ich übrig.
Unsere Vorräte waren fast vollständig verloren.
Wir hatten kaum noch Wasser.
Naikata wurde schwächer.
Ich begann zu glauben, dass wir ebenfalls sterben würden.
Dann sahen wir Land.
Lardikia.
Ich hätte vor Freude schreien können.
Wir hatten es geschafft.
Zumindest dachte ich das.
Wir erreichten den Strand.
Ich wollte gerade Naikata vom Floß helfen, als sich über uns ein Schatten ausbreitete.
Eine riesige Kreatur stürzte aus dem Himmel.
Bevor ich reagieren konnte, packte sie meine Tochter.
Ich hielt sie fest.
Naikata schrie.
Ich zog mit aller Kraft.
Aber die Kreatur war stärker.
Ihre Finger glitten aus meinen Händen.
Die Kreatur erhob sich in die Luft.
Ich rannte ihr hinterher.
Naikata rief meinen Namen.
Dann verschwand sie am Himmel.
Ich blieb allein am Strand zurück.
Meine Heimat war zerstört.
Meine Frau war tot.
Meine Tochter verschwunden.
An diesem Tag starb der Fischer Kitac Ronaro.
Was übrig blieb, war ein Mann mit nur noch einem Ziel:
Naikata finden.
Ich begann zu reisen.
Ich lernte zu kämpfen.
Zuerst mit Messern.
Dann mit Schwertern.
Dann mit Dingen, bei denen ich bis heute nicht genau weiß, ob sie tatsächlich als Waffen gedacht waren.
Man wird erstaunlich kreativ, wenn etwas Zähne hat und einen fressen möchte.
Ich besiegte Kreaturen.
Ich sammelte Gold.
Ich folgte Gerüchten.
Überall fragte ich nach meiner Tochter.
Und überall suchte ich nach dem Weltenwandler.
Doch irgendwann erkannte ich eine einfache Wahrheit:
Ich war nicht stark genug.
Nicht annähernd.
Meine Reise führte mich schließlich nach Zahra.
Dort hörte ich von mutiertem Blut.
Man erzählte mir Geschichten über Wesen, die durch dieses Blut verändert wurden.
Stärker.
Schneller.
Gefährlicher.
Allerdings erwähnte man auch Dinge wie Schmerzen, unkontrollierbare Mutation und Blutdurst.
Man kann eben nicht alles haben.
Ich wurde gewarnt.
Mehrmals.
Ein Mann sagte zu mir:
„Wenn du dieses Blut nimmst, wirst du vielleicht nie wieder der sein, der du einmal warst.“
Ich antwortete:
„Der bin ich ohnehin schon lange nicht mehr.“
Also nahm ich es.
Zuerst geschah nichts.
Ich wartete.
Eine Minute.
Zwei Minuten.
Ich dachte bereits, man hätte mir überteuerten Fruchtsaft verkauft.
Dann begann der Schmerz.
Meine Adern brannten.
Meine Knochen knackten.
Meine Haut veränderte sich.
Meine Finger wurden länger.
Meine Nägel wurden zu Klauen.
Mein Körper wurde größer und stärker.
Meine Haut wurde rau.
Mein Gesicht veränderte sich.
Meine Zähne wurden länger.
Sehr viel länger.
Als ich mein Spiegelbild sah, dachte ich nur:
Ausgerechnet ein Hai.
Ich hatte mein halbes Leben damit verbracht, Rotzahnhaie zu fangen.
Jetzt sah ich aus, als hätte einer ihrer besonders schlecht gelaunten Verwandten beschlossen, auf zwei Beinen zu laufen.
Ich war ein Quarren.
Und mit der Mutation kam der Blutdurst.
Mutiertes Blut wurde zu einem Teil meines Lebens.
Es hält die Mutation aufrecht.
Es gibt mir Kraft.
Und wenn ich zu lange darauf verzichte, beginnt mein Körper, sich wieder zu verändern.
Manche nennen meine Mutation einen Fluch.
Vielleicht stimmt das.
Aber ein Fluch kann eine erstaunlich wirkungsvolle Waffe sein.
Seit jener Zeit kennt man mich als HaiFisch.
Ich kämpfe mit Dingen, bei denen selbst erfahrene Krieger gelegentlich zweimal hinsehen.
Meine bekannteste Waffe ist die Toilettenbürste von Atlantis.
Lacht ruhig.
Viele haben gelacht.
Einige davon können inzwischen nicht mehr lachen.
Niemand weiß genau, wer diese Waffe erschaffen hat.
Manche behaupten, sie sei einst dafür bestimmt gewesen, die heiligen Sanitäranlagen der versunkenen Stadt Atlantis zu reinigen.
Andere behaupten, sie sei eine uralte Waffe der Meeresgötter.
Ich persönlich stelle keine Fragen.
Sie funktioniert.
Das genügt mir.
An meiner anderen Hand trage ich den Schild der Meeresgötter.
Ein schwerer Schild aus einer Zeit, die älter sein soll als die meisten Königreiche dieser Welt.
Er hat Klauen, Schwerter und Zähne aufgehalten.
Und einmal einen sehr schlecht geworfenen Fisch.
Auch ein Schild hat schließlich harte Arbeitstage.
Aber hinter all dem Humor gibt es etwas, worüber ich nicht lache.
Naikata.
Meine Tochter lebt vielleicht noch.
Ich weiß nicht, wo sie ist.
Ich weiß nicht, was mit ihr geschehen ist.
Doch ich werde nicht aufhören zu suchen.
Nicht heute.
Nicht morgen.
Nicht nach hundert weiteren Monden.
Ich durchstreife diese Welt.
Ich sammle Hinweise.
Ich kämpfe.
Ich werde stärker.
Und irgendwo dort draußen existiert noch der Weltenwandler.
Vielleicht erinnert er sich nicht mehr an Tian.
Vielleicht erinnert er sich nicht mehr an die Menschen, die er getötet hat.
Vielleicht erinnert er sich nicht einmal an den Fischer, der mit seiner Familie in einer Höhle überlebte.
Das ist in Ordnung.
Ich erinnere mich für uns beide.
Ich erinnere mich an jedes brennende Haus.
An jeden Schrei.
An Itopatas' Hand, die mir im Sturm entglitt.
An Naikatas Stimme, als sie meinen Namen rief.
Und sollte der Tag kommen, an dem der Weltenwandler mir gegenübersteht, wird er vielleicht lachen.
Vielleicht sieht er nur einen seltsamen Quarren mit einem Schild und einer Toilettenbürste.
Dann soll er lachen.
Ich habe nichts dagegen.
Denn irgendwann wird er aufhören.
Mein Name war Kitac Ronaro.
Heute nennt man mich HaiFisch.
Ich war Fischer.
Ich war Ehemann.
Ich bin Vater.
Und ich bin ein Quarren.
Ich suche meine Tochter.
Und ich suche den Weltenwandler.
Naikata werde ich nach Hause bringen.
Und den Weltenwandler?
Den bringe ich nirgendwohin.
Für ihn endet die Reise dort, wo er mir begegnet.